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Die Soziale Innovationsgesellschaft

Günter Valet

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1. Gegenwart:

Der Mangel an zukunftsweisenden Zielsetzungen ermattet den politischen Gestaltungswillen vieler Bürger, wohingegen die Betonung Aufbruch orientierter gesellschaftlicher Ziele das Potential für Begeisterung und Faszination beinhaltet.

Politische Leitgedanken, wie soziale Marktwirtschaft oder Dienstleistungsgesellschaft erstreben Optimierung des Bestehenden, christliche Prinzipien sind in einer pluralistischen Gesellschaft nicht für jedermann verbindlich, sozialdemokratische Inhalte setzen sich für die gerechte Verteilung des Mehrwerts ein, nicht aber unbedingt für seine Erwirtschaftung, liberale Ziele blieben in langen Jahren verschwommen, linke Ideen scheiterten an der Praxis, die Programmatik von AfD und FW ist im Fluss, grüne Vorstellungen mit Verhinderungstendenz können zu Rückschritt führen, anstelle des im globalisierten Wettstreit erforderlichen Fortschritts zur Erzielung eines höheren gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts.

2. Zielsetzung:
Eine parteiübergreifende Zielvorstellung für die Anpassung der demokratischen Gesellschaft an zukünftige Entwicklungen ergibt sich aus Vorstehendem nicht, obwohl geeignete Zielsetzungen bereits im Leben der einzelnen Bürger von erheblicher Bedeutung sind. Die Orientierung an zukunftsweisenden aber weltanschaulich vergleichsweise neutralen Zielen kann deshalb zu einem wichtigen gesellschaftlichen Motivator werden. Die "Soziale Innovationsgesellschaft" gestaltet im demokratischen Rahmen aus der Gegenwart heraus einen gesamtgesellschaftlichen Mehrwert mit Bestand für die Zukunft, unter Berücksichtigung der Lehren der Vergangenheit, indem sie sich Ressourcen schonende, umweltverträgliche und nachhaltige Innovation in sozial ausgewogener Weise zum Ziel setzt.

Innovationsrichtungen einer sozialen Innovationsgesellschaft betreffen den technischen Sektor als Motor, wie z.B. Industrie 4.0, Fertigung mittels 3D-Druck oder den Aufbau effizienterer Organisationsstrukturen, ebenso wie die sozialen und zwischenmenschlichen Bereiche mit Vereinbarkeit von Beruf, Kinderziehung und Altenpflege sowie Kollegialität im unmittelbaren Arbeitsumfeld, bei Wettbewerb zwischen Arbeitsgruppen und Firmen. Dies erhöht die persönlichen Zufriedenheit und Einzeleffizienz und damit die gesamtgesellschaftliche Leistungsfähigkeit.

Der Begriff soziale Innovationsgesellschaft war ungebräuchlich (2011), wurde in sozialen Teilbereichen (ref.1) angedacht (2014), entscheidend ist jedoch die Verkopplung von technischer und sozialer Innovation in einer eigenständigen europäischen Entwicklung. Anverhandelte Verträge, wie TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) oder TISA (Trade in Services Agreement) Abkommen können zu einer Methuenisierung Europas führen, wie etwa der Methuenvertrag (1703) zwischen England und Portugal, der zur Vormacht des wirtschaftlich Stärkeren und Abgleiten des ehemals einflussreichen Portugals (1494) in die Nachrangigkeit unter einer "win/win" Strategie (ref.2) des "Braten und Brösel" Typs führte. Europäische Bürger sollten sich nicht mit Bröseln zufrieden geben, solche Abkommen ablehnen und im friedlichen Wettbewerb der Völker selbst richtungweisende Neuerungen entwickeln.

3. Zukunft:
Deutschland befreit sich gegenwärtig von den Fesseln atomarer und fossiler Brennstoffe. Die dafür erforderlichen gesellschaftlichen Anpassungen können zu einem beispielgebenden Innovationsschub führen.

Gesamtgesellschaftliche Ziele müssen mit ihrer Aufbruchstimmung die Jugend begeistern, wie etwa zu Zeiten Präsident Kennedys die Ankündigung der Mondlandung innerhalb der nächsten 10 Jahre, die tausende junger Menschen zum Ingenieurstudium bewegte, um selbst an dieser Aufgabe gestaltend mitzuwirken.

Der Aufbau einer schlagkräftigen, eigenständigen europäischen Digitalwirtschaft erhöht das wirtschaftliche Potential und vermeidet die fremdbestimmte digitale Gleichschaltung und transnationale Synchronisation der Menschen mit der Gefahr persönlichen Identitätsverlusts und ungeschützter Privatsphäre.

Im Rahmen der Energiewende kann die kostengünstige Erzeugung von elektrolytischem Wasserstoff aus Überschussstrom sowie die Synthese von Flüssigtreibstoffen (ref.3,4) aus Wasserstoff und CO2 von Industrieprozessen, natürlichen CO2 Quellen oder Luft ("kill the climate killer") angestrebt werden. Die erdölunabhängige Treibstoffsynthese könnte die Entwicklung von Elektrohybridfahrzeugen mit Strom erzeugenden Brennstoffzellen oder sparsamen, schadstoffarmen Verbrennungsmotoren befördern. Synthetisch erzeugte Treibstoffe verbrennen CO2 neutral d.h. ohne Belastung der CO2 Bilanz und können außerdem kostengünstig über das bestehende Tankstellennetz verteilt werden. Kleinere Batterien als bei Ladestationen betriebenen Elektroautos würden für solche Fahrzeuge ausreichen, da für die bisher eingesetzten Großbatterien in der Breite nicht genügend elektrische Energie verfügbar ist. Zudem verursachen die signifikanten Ladezeiten erhebliche Zeitverluste für Mensch und Fahrzeugnutzung. Der Einstieg in die synthetische Treibstoffgewinnung im Großmaßstab wäre der Startpunkt für eine Fülle technischer Neuentwicklungen mit Sicherung von Arbeitsplätzen und allgemeinen Lebensgrundlagen etwa in ehemaligen Stein- und Braunkohlerevieren bei gleichzeitigem Verbleib des überwiegenden Teils der so entstehenden Wertschöpfung in Europa.

Gleichermaßen bedeutsam ist die Befreiung vom Konzept des Wirtschaftswachstums durch Verbrauchsteigerung mittels Verkürzung der Produktlebensdauer (Obsoleszenz). Eine solchermaßen übersteigerte Verbrauchswirtschaft (Strohfeuerwirtschaft) bereichert Großkonzerne, verarmt aber durch häufige Kaufaufwendungen auf die Dauer die Bürger, die eher an einer für sie viel nützlicheren Bestandswirtschaft mit Bildung von Wohnungseigentum, angemessener Kinderausbildung, ausreichendem Rentenniveau sowie Vorsorge für menschenwürdige Pflege im Alter interessiert sind. Die Bestandswirtschaft verhindert zudem den Missbrauch menschlicher Arbeits- und Innovationskraft für Strohfeuerziele, bewahrt die Ressourcen des Planeten und bewirkt sinnstiftenden gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Aufbruch in eine neue europäische Entwicklungsphase.

Eine auch zukünftig erfolgreiche Gesellschaft erarbeitet mit dem Konzept Erwerb vor Verteilung zunächst die Gelder, die sie in der Folge ausgibt. Wird Erspartes unter Gleichheitsgesichtspunkten staatlicherseits systematisch "gerecht" wiederverteilt, herrscht Missstimmung bei Gebenden ("zu viel"), und Nehmenden ("zu wenig"), die Investitionskraft z.B. zum Bausubstanzerhalt ("Dach über dem Kopf") sinkt, wie weiland im real existierenden Sozialismus der ehemaligen DDR, bei gleichzeitigem Anstieg der gesamtgesellschaftlichen Unzufriedenheit.

Kaufen außereuropäische Investoren systematisch Hochtechnologieunternehmen sowie im größerem Maßstab öffentliche und private Wohnungsbestände, land- und forstwirtschaftliche Flächen, Krankenhäuser, medizinische Praxen und Versorgungszentren oder übernehmen sie nationale Planungskompetenzen, entstehen möglicherweise nicht mehr aufholbare know-how Verluste, erhöhte Lebenshaltungskosten (Mieten), Ausweitung des Niedriglohnsektors, veränderte Agrarstrukturen, Medizin als Geschäft und nicht als Dienst am Menschen, sowie eine zunehmende Fremdbestimmung (z.B. Steuerung der Gesellschaftsentwicklung durch künstliche Intelligenz) bei Gewinntransfer des von Europäern erwirtschafteten Mehrwerts ins Ausland.

Die geistige und kulturelle Vielfalt Europas ergibt eine reichhaltige Gestaltungskraft für die Zukunft. Zielvorstellung sollte die Gestaltung eines Staatenverbunds mit gebündelter geistiger Vielfalt, und nicht die Schaffung einer europäischen Sammelnation (Schmelztiegel) mit Einheitssprache bleiben. Die Bereitstellung zielgebundener Entwicklungsbudgets für europäische Gemeinschaftsaufgaben, wie etwa Grenzsicherung (FRONTEX), Verteidigung sowie Luft- und Raumfahrt (Airbus, Ariane) im Verein mit kontrollierter Fachkräftezuwanderung befördern innovative Technologieentwicklungen und steigern die militärische Abwehreffizenz bei weitgehendem Erhalt der nationalen Finanzsouveränität.

In der Vergangenheit beförderten die Schrecken der beiden Weltkriege den europäischen Zusammenschluss. In dem Maße, wie die Vergangenheit aus dem Blickpunkt der Menschen verschwindet, liegt das Zukunftspotential der europäischen Staatengemeinschaft in der Erarbeitung und Verwirklichung neuer Konzepte durch die den Menschen dieser Region eigene intellektuelle Vielfalt. Deren Realisierung könnten auf nationaler Ebene durch diesbezüglich mit Blick nach vorne ausgerichtete Parteien wie z.B. Deutsche Fortschrittspartei, Aufbruch für Deutschland bzw. Europa oder durch existierende Parteien vorangetrieben werden.

Referenzen
1. Jutta Schwengsbier, Mirko Schwanitz (2014). Der deutsche Wohlfahrtsstaat zwischen Lobbyismus und sozialer Innovationsgesellschaft. epubli Verlag, Berlin.
2. François de Callières (1716). De la Manière de négocier avec les Souverains. Amsterdam. S.160-172.
3. *external linkSunfire (2019), Dresden
4. Wei, J et al. (2017.) Directly converting CO2 into a gasoline fuel. Nat. Commun. 8, 15174 doi: 10.1038/ncomms15174.
© 2019 G.Valet
Internet: https://www.classimed.de/sig100.html
Letzte Aufdatierung: 20.02.2019
Ersteinstellung: 30.03.2014